Zwölf Jahre abgemeldet

Ich habe eine natürliche Abneigung gegen Überfluss und Verschwendung. In einer Zeit, in der die Ressourcen immer knapper werden, gibt es nur eine Devise: Haushälterisch mit dem Vorhandenen umgehen, unter anderem zuerst einmal alle Vorräte aufbrauchen, bevor man sich mit neuen Dingen eindeckt. Und bevor ich gross andere kritisieren kann, muss ich vor der eigenen Türe wischen:

Zuerst werde ich mal meine gesamte Musikbibliothek, die ich auf meiner Festplatte gespeichert habe, durchhören. Es sind dies 17`374 Titel. Die gesamte Hördauer für dieses Unterfangen beträgt laut dem Programm i-tunes 38,7 Tage. Da ich aber auch immer wieder ein paar Stunden schlafen muss, wird das systematische Anhören der ganzen Sammlung fast zwei Monate dauern.

Anschliessend werde ich alle meine 427 Freunde, welche ich auf Facebook „besitze“, einmal persönlich besuchen. Denn was bringen mir Freunde, wenn ich sie nicht auch ab und zu real treffe? Diese Besuchstage werden mich ein Jahr und zwei Monate und drei Tage beanspruchen.

Damit ist aber mit Reisen noch lange nicht fertig: Auf meinem Büchergestell stapeln sich die Wanderführer. Da viele meiner Freunde wissen, dass ich gerne wandere, aber nicht ahnen, dass ich in den letzten Jahren wegen chronischer Überbeschäftigung nie dazu kam, ist dies ein beliebtes Geburtstagsgeschenk. Mindestens zwei Wanderführer werde ich somit komplett durchwandern. Geschätzter Zeitaufwand: Eineinhalb Jahre. Danach will ich endlich mal alle Fotos auf meiner Harddisk sichten. In den letzten zehn Jahren haben sich da über fünftausend angesammelt. Ich werde sie sortieren, die unscharfen ausschauben und die besten ausdrucken lassen. Die ausgedruckten Fotos (ca. 900) werde ich dann erneut sortieren und in verschiedene Fotoalben kleben. Geschätzter Zeitaufwand hier: Drei Monate.

Da sich in den Jahren, während denen ich all diese Arbeiten erledige, wieder neue Musik, Fotos und Wanderbücher ansammeln werden, müssen diese Sachen danach während ca. 16 Monaten aufgearbeitet werden.

Dank unserer schönen neuen Welt des Überflusses, werde ich mich also insgesamt für zwölf Jahre vom normalen Alltagsleben abmelden.

Bis bald.

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